Kino / Portraits

Ein Mann, ein Kulturgut

Pablo Larraín und Gael García Bernal unterrichten das Kinopublikum über "Jackie" (im Kino) und "Neruda" (Start: 23.02.)

Der chilenische Regisseur Pablo Larraín (40) ist wohl der Aufsteiger des Jahres. Larraín begeistert im noch jungen 2017 mit gleich zwei ebenso herausragenden wie unterschiedlichen Werken. Natalie Portman verwandelte er jüngst in die Ikone "Jackie", und mit "Neruda" setzt er dem titelgebenden Nobelpreisträger und Volkshelden Chiles ein filmisches Denkmal. Darin hetzt Gael García Bernal (38), mit dem er schon 2012 gemeinsam "No" drehte, den Poeten Neruda nach dem Putsch Pinochets durch Chiles Süden. Im Doppel-Interview erklären Regisseur und Hauptdarsteller, was Pablo Neruda für Chile bedeutet.

teleschau: Wie würden Sie einem Nicht-Chilenen Pablo Neruda erklären?

Pablo Larraín: Neruda ist jemand, der unser Land anders als jeder andere beschrieben hat. Er ist Inspiration für Schriftsteller, Journalisten, Regisseure und für die, die sich mit der Erinnerung an unser Land und dessen Geschichte befassen. Neruda ist eine Ikone. Wie er das Wasser und die Bäume, einfach alles beschreibt, ist einzigartig. Wahrscheinlich ist seine Rolle für jede Generation unterschiedlich, aber für mich ist seine Präsenz sehr wichtig.

Gael García Bernal: Als Südamerikaner lernt jeder Neruda spätestens in der Oberstufe kennen. Er hat über jedes einzelne südamerikanische Land geschrieben und überall Worte für Landschaften gefunden. Er schrieb viel über den Süden Chiles, den kaum jemand kennt und der sehr schwer zu beschreiben ist. Dafür braucht es die Sprache Nerudas. Niemand kann eine Araukarie, die "Chiletanne", ohne Nerudas Sprache beschreiben.

Larraín: Diese Bäume tastet in Chile keiner an, nicht einmal die dümmsten Menschen. Wir haben wie jedes andere Land Probleme mit unseren Wäldern, aber nicht mit diesen Bäumen.

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teleschau: Fiel es Ihnen schwer, Worte für einen so wortgewaltigen Mann zu finden?

Larraín: Man kann einen Mann wie Neruda nicht in einen Film stecken und behaupten: Das ist Neruda. Dafür ist er zu komplex und zu groß. Neruda war ein großartiger Koch, ein Weinkenner, ein Weltreisender, ein Womanizer und Diplomat. Als Senator war er der Führer der kommunistischen Partei und wäre fast chilenischer Präsident geworden. Wie soll sich eine solche Persönlichkeit in einem einzigen Film beschreiben lassen? Das ist unmöglich. Deshalb entschieden wir uns, einen Film über den Neruda-Kosmos zu drehen.

teleschau: Wie viele unterschiedliche Versionen für diesen Film hatten Sie im Kopf, ehe Sie sich für diese Variante entschieden?

Larraín: Sehr viele, aber das war nicht nur ich, am Drehbuch waren mehrere Personen beteiligt. Anfangs war unser Ansatz kommerzieller, aber wir fanden eine ganz andere Perspektive. Wir wollten ihn nicht vereinnahmen, er wird nie uns gehören. Er wird immer frei wie ein Vogel sein. Als er den Nobelpreis entgegennahm, hielt er eine Rede, die sich mit der Phase seines Lebens auseinandersetzte, die wir im Film einfangen. Er sagte, er wisse nicht, ob er sein Leben wirklich gelebt, geträumt oder geschrieben habe. Das war wie ein Schlüssel für unseren Film.

teleschau: Wie weit wurzelt Ihre Interpretation dieser Geschichte in der Realität? Neruda wurde ja wirklich gejagt, aber sicher anders als im Film?

Larraín: Das Einzige, was real ist, ist der Name. Sicher wurde er verfolgt, überquerte die Anden im Süden und floh vor der Justiz, aber der Film ist Fiktion.

teleschau: Den Jäger spielen Sie, Herr Bernal. Wie würden Sie Oscar Peluchonneau beschreiben?

Bernal: Sein Name ist der Realität entlehnt, aber den Rest seiner Persönlichkeit haben wir frei erfunden. Wir spielen mit dieser Urform eines Cops, der versucht, den Bösen zu fangen. Nur dass er auf eine Person angesetzt ist, die auf ihre Art viel größer als das Leben selbst ist. Neruda war eine Persönlichkeit enormen Ausmaßes. Peluchonneau wird zu einem Polizisten, dessen Charakter sich auf viele Arten beschreiben lässt. Er kommt Neruda vielleicht nahe, weil er seine Gedichte liest. Die konstruieren auf ihre Art eine Realität. Plötzlich entdeckt er beim Blick in den Spiegel, auf welche Reise ihn diese Verse schicken. Sie bringen ihn sich selbst näher, sagen ihm aber nicht, was zu tun sei. Ich wünschte, alle Polizisten könnten das erleben. Diesen Moment, in dem sie sich fragen: Was mache ich eigentlich hier?

teleschau: Es gibt in "Neruda" keine Schießerei, kein Blut und niemand wird verletzt - und das in einem Film, in dem ein Polizist den Ganoven jagt ...

Larraín: Es ist ein Film über die Dichtkunst und über Auferstehung. Ohne zu viel zu verraten, Neruda musste verfolgt werden, um seine Legende zu begründen, aber auch, um seine Leute zu schützen. Daraus entsteht auf vielen Ebenen ein Paradox, aber ein Kernelement ist, dass die beiden Gegenspieler einander brauchen und bedingen. Deshalb ist es für Neruda auch so aufregend.

Bernal: Ich denke, dass Neruda das geschätzt hätte: eine Nemesis zu haben, einen Gegenspieler, der in ihn eindringt, um ihn zu fassen, aber auch Mitgefühl entwickelt. Viele seiner Gedichte handeln genau davon. Jemand, mit dem er gemeinsam auf diese Reise geht.

Larraín: Als wären sie für einander geboren.

Bernal: Mich berührt der Moment sehr, in dem die beiden sich im Film treffen. Und dabei bin ich selbst beteiligt! Feinde, die sich begegnen, Gegenspieler die aufeinander treffen, das wünschen wir uns doch. Ich denke, Neruda würde über den Film sagen: Gut gemacht, mein Sohn!

teleschau: Wann wussten Sie beide, dass Sie nach "No" wieder zusammen arbeiten wollen?

Larraín: Als ich das Drehbuch bekam, war klar, dass Gael nicht Neruda spielen wird. Aber der Cop, der war wie für ihn gemacht! Es ist ein Genuss, mit ihm zu arbeiten, er ist einer der interessantesten Darsteller in unserem Sprachraum ... und dazu ein Freund.

Denis Demmerle

Quelle: "teleschau - der mediendienst"

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