Kino / Portraits

Väter und ihre Aufgaben

Rolf Lassgård spielt in "Das Löwenmädchen" (Start: 14.09.)

Rolf Lassgård, 62, ist einer der bekanntesten Schauspieler Schwedens. Als Henning Mankells Ermittler Wallander wurde er auch in Deutschland ab Mitte der 90-er zum Star. Für viele ist Lassgård bis heute der einzig "legitime" Kurt Wallander. Der bärige Schwede hat die Rolle lange hinter sich gelassen. Trotzdem muss der Vater dreier Kinder nicht darben. In seinem Heimatland ("Ein Mann namens Ove"), aber auch international ist der schwedische Charakterkopf nach wie vor äußerst gefragt. So wird er an der Seite Matt Damons in Alexander Paynes "Downsizing" (Kinostart: Januar 2018) zu sehen sein. In "Das Löwenmädchen" spielt Lassgård nun den Vater eines Kindes, das 1912 mit einem seltenen Gendefekt zur Welt kommt: Das Mädchen ist am ganzen Körper, selbst im Gesicht, so behaart wie ein Löwe. Die Verfilmung des Bestsellers von Erik Fosnes Hansen erzählt von Freak-Shows und einem Erwachsenwerden unter schwierigen Bedingungen.

teleschau: Als Zuschauer könnte man denken, "Das Löwenmädchen" habe es tatsächlich gegeben. Tatsächlich ist die Geschichte jedoch ausgedacht.

Rolf Lassgård: Erik Fosnes Hansen, der den Roman schrieb, hat tatsächlich eine fiktive Biografie ersonnen. Dennoch gab es seit dem Mittelalter etwa 50 dokumentierte Fälle dieses Gendefekts, bei dem der gesamte menschliche Körper mit dichtem Haar bedeckt ist. Es lebten und leben also sehr wenige dieser Menschen.

teleschau: Waren Sie oder die Filmemacher mit solchen Menschen in Kontakt?

Lassgård: Ich selbst nicht. So weit ich weiß, gab es Kontakte zu Menschen, die mit ihren Körpern heute in sogenannten Freak Shows auftreten könnten. Um eine solche Show geht es ja auch im Film. Ich selbst hasse den Begriff der Freak Show. Ich sehe auch das Thema des Films ganz anders. Er erzählt nicht von Freaks, sondern von einer geborenen Außenseiterin, die sich ihren Weg ins Leben erkämpft.

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teleschau: Das Löwenmädchen wird 1912 im ländlichen Norwegen geboren. Lange Zeit wird sie versteckt, erst als Schulkind zeigt sie sich den anderen Menschen. Was sagt uns diese Geschichte heute?

Lassgård: Es ist eine Parabel über Ausschluss und Integration. Immer, wenn jemand auftritt, der sichtlich anders ist als die anderen, gibt es diese beiden Möglichkeiten: Ausschluss oder Integration. Heute würde man ein Löwenmädchen vielleicht nicht mehr über viele Jahre im Haus verstecken. Dafür existieren andere Formen der Scham und des Ausgeschlossenwerdens. Wie die Gesellschaft mit Außenseitern umgeht, wie der Außenseiter mit seiner Rolle lebt - das sind zutiefst menschliche Themen, die uns immer begleiten werden.

teleschau: Fast jeder Mensch erlebt den Schmerz, mal nicht dazuzugehören. Sind Außenseiter-Erfahrungen wichtig für unsere Persönlichkeitsentwicklung?

Lassgård: Das könnte man mal mutig behaupten (lacht). Es kommt natürlich darauf an, was man aus dieser Erfahrung lernt. Ist es etwas Gutes, war es wichtig. Falls nicht, nun ja ...

teleschau: Fühlten Sie sich mal auf schmerzhafte Weise als Außenseiter?

Lassgård: Oh ja, ich erinnere mich gut an dieses Gefühl. Ich war ein dicklicher Junge. Gerade beim Sport hat man sich oft über mich lustig gemacht. Ich weiß nicht, ob das eine wichtige Erfahrung für mich war und ob sie mich verändert hat. Ich weiß nur, dass jeder solche Erfahrungen macht und dass manche sehr schlimm für den Betroffenen sind. Bei mir war das Leiden eher moderat.

teleschau: Beim "Löwenmädchen" ist es so, dass die ländlichen Norweger vor 100 Jahren gar nicht so furchtbar negativ auf sie reagieren. Es drängt sich die Frage auf, ob wir heute dem Fremden gegenüber intoleranter sind als damals.

Lassgård: Wie gesagt, das Löwenmädchen ist ein Märchen. Ich glaube schon, dass viele Menschen das Fremde damals heftig ablehnten. Und damals war vieles fremd, weil wir nicht viel von jener Welt, die weiter weg war, mitbekommen haben. Leider ist es nicht so, dass wir heute, da wir mehr wissen, toleranter geworden sind. Vielleicht zeigt man nicht mehr mit Fingern auf Freaks, die einem auf der Straße begegnen. Wir nutzen subtilere Formen, um andere zu diskriminieren und auszuschließen. Das macht es natürlich nicht besser.

teleschau: Die moderne westliche Gesellschaft scheint so tolerant wie niemals zuvor: Geschlecht, sexuelle Orientierung, Behinderung - überall gibt es Fortschritte in Sachen Gleichstellung. Gleichzeitig redet man so viel über Mobbing wie nie zuvor. Ein Widerspruch?

Lassgård: Es gibt in unseren westlichen Gesellschaften die Idee der Political Corectness. Die darf, gerade in Schweden, nicht infrage gestellt werden. Offiziell sind wir alle sehr tolerant. Das Problem ist nur, dass von oben verordnete Toleranz nicht in den Charakter der Menschen eindringt. In dieser Hinsicht sind wir, in Schweden und anderswo, immer noch sehr archaisch.

teleschau: Ihr Film erzählt auch die Geschichte einer Vater-Tochter-Beziehung. Am Anfang versteckt der Vater die Tochter vor der Welt, später will er sie nicht mehr gehen lassen. Ist dieser Mann ein Feigling?

Lassgård: Er ist einfach nur sehr ambivalent, was in seiner Zeit und Situation auch realistisch ist. Dieser Mann ist sehr angesehen in der kleinen Stadt. Die Mutter des Mädchens stirbt bei der Geburt, sie kommt als Freak zur Welt. Da ist viel Schmerz, Einsamkeit und Furcht, die da in ihm wüten. Eigentlich lernt er erst durch das Selbstbewusstsein seiner merkwürdigen Tochter, mutiger zu werden. Dazu gehört auch, die Tochter irgendwann gehen zu lassen.

teleschau: Sie haben selbst drei Kinder. Normalerweise tun die irgendwann Dinge, mit denen man als Eltern keineswegs einverstanden ist. Wie schwer war es für Sie, das zu akzeptieren?

Lassgård: Mein jüngstes Kind ist mittlerweile 23 Jahre alt, sodass ich den heftigen rebellischen Phasen im Rückblick mit einer gewissen Gelassenheit gegenüberstehe. Das war früher natürlich anders. Ich erinnere mich daran, oft das Gegenteil von dem gedacht und gefühlt zu haben, was ich meinen Kindern sagte. Ich versuchte sie immer mit Liebe und Mut bei Dingen zu begleiten, die sie für richtig hielten. Dabei war es keineswegs immer meine Meinung, dass das, was sie wollten, vernünftig war. Es ist nicht leicht, seinen eigenen Weg im Leben zu finden. Wenn man sein Kind - trotz Bedenken - bei Dingen unterstützt, für die das Kind Leidenschaft empfindet, kann man viel Positives bewirken. Selbst dann, wenn das eigentliche Ziel eventuell nicht erreicht wird.

teleschau: Sie klingen ein bisschen wie der Vater, den sich alle wünschen.

Lassgård: Na ja, ganz so toll und gelassen war ich auch nicht. Wie gesagt, ich musste viel schauspielern. Gute Miene zum bösen Spiel machen. Und die Sorgen hören ja nie auf. Man sagt: kleine Kinder, kleine Probleme. Große Kinder, große Probleme. Leider stimmt der dumme Spruch. Ich zermartere mir oft den Kopf über das Wohl meiner erwachsenen Kinder.

teleschau: Was machen Ihre Kinder beruflich?

Lassgård: Meine älteste Tochter wollte Musical-Künstlerin werden. Sie tanzte und sang. Heute arbeitet sie im Immobiliengeschäft. Meine mittlere Tochter arbeitete im Bereich Produktion an Filmen, mittlerweile ist sie aber in den sozialen Bereich gewechselt. Und unser Sohn hat gerade sein Lehramtsstudium abgeschlossen.

teleschau: Also ist keines ihrer Kinder wie Sie Künstler geworden. Vielleicht eine gute Idee, um nicht mit dem Vater verglichen zu werden.

Lassgård: Vielleicht ist es tatsächlich eine gute Idee, etwas anderes zu tun. Aber man sucht sich das nicht aus. Man hat Leidenschaften, Träume, Ideen - und irgendwann landet man an einem Ort, an dem man sich hoffentlich wohlfühlt. Letzteres ist das Wichtigste für Eltern.

teleschau: Wissen Sie noch, was Ihnen als Vater die größten Sorgen ihres bisherigen Lebens bereitete?

Lassgård: Ich denke, das war die Musical-Leidenschaft meiner ältesten Tochter. Wissen Sie, es gibt vielleicht acht Musicals in Schweden. Mit ein paar Dutzend Rollen. Auf der anderen Seite stehen Tausende, die diese Rollen haben wollen. Meine Tochter war sehr jung, als sie ihr Zuhause verließ. Ich weiß noch, wie viel Angst ich damals hatte. Es ist immer schwer für die Eltern, wenn Kinder weggehen.

teleschau: Sind Sie und Ihre Tochter glücklich geworden?

Lassgård: Ich finde, die Dinge sind gut gelaufen. Sie wurde eine tolle Tänzerin und arbeitete eine Zeit lang an verschiedenen Orten in Europa. Als Sie nach Hause kam, entschied sie selbst, etwas anderes zu machen. Ich glaube, dass sie glücklich ist. Aber ich kenne ihre geheimen Träume nicht.

teleschau: Was ist das Wichtigste, das Eltern für ihre Kinder tun sollten?

Lassgård: Das wichtigste ist Liebe und Unterstützung. Man braucht emotionales Rüstzeug fürs Leben. Eltern sind vor allem dafür da, ihren Kindern dieses Rüstzeug mitzugeben.

teleschau: Was tut man, wenn man überzeugt davon ist, dass sein Kind mit einer Entscheidung einen schrecklichen Fehler begeht?

Lassgård: Dann muss man es aussprechen. Es gehört zur Liebe dazu, dass man jemandem die Wahrheit sagen kann. Trotzdem ist man als Eltern auch ein Stück weit machtlos. Viele Fehler müssen die Jungen einfach selbst machen. Man kann ihnen diese Erfahrung einfach nicht abnehmen. So absurd es einem vorkommt und so gern man es täte.

Eric Leimann

Quelle: "teleschau - der mediendienst"

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D / N / S 2017, R: Vibeke Idsøe, D: Mathilde Thomine Storm, Rolf Lassgård, Ken Duken u.a.

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