Kino / Portraits

Der schwäbische Hedonist

Franz Rogowski spielt im Michael-Haneke-Film "Happy End" (Kinostart: 12.10.)

Franz Rogowski in Aktion, auf der Bühne oder Leinwand zu sehen, ist ein Erlebnis. Zum Beispiel in dem Independent-Film "Love Steaks" (2013), wo er den verklemmten Masseur Clemens spielt, dem die rotzige Köchin Lara den Kopf verdreht. Der 31-Jährige, der vom Theater kommt und tanzen kann wie ein junger Gott, hat eine beeindruckende Filmkarriere hingelegt, wobei ihm das Wort "Karriere" missfallen dürfte. Denn Rogowski folgt seinen eigenen Wertekategorien und zeigt sich im Interview bei einer Tasse Schwarztee als bescheidener Feingeist, der konsequent seiner eigenen Stimme folgt. Das hat den Schwaben, dem seine Lehrer oftmals Unfähigkeit attestierten, weit gebracht, zum Beispiel zum österreichischen Meisterregisseur Michael Haneke, in dessen neuestem Familiendrama "Happy End" (Kinostart: 12.10.) er den vermurksten Sohn von Isabelle Huppert spielt.

teleschau: "Happy End" feierte in Cannes seine große Premiere, doch in Ihrem Instagram-Account findet sich nichts davon - nicht mal ein kleines Selfie mit Ihrer Filmmutter Isabelle Huppert. Liegt Ihnen diese Form der Selbstdarstellung nicht?

Franz Rogowski: Na ja, dadurch dass ich in Filmen zu sehen bin, ist meine Selbstdarstellung schon relativ weit vorangetrieben. Da muss ich jetzt nicht jedes private Happening mit allen teilen. Ich finde, das Fotografieren ist oft der Situation nicht angemessen. Ich habe großen Respekt vor Leuten, die gut fotografieren können, ohne Momente kaputt zu machen. Mir selbst verbietet einfach mein Schamgefühl, diese Momente per Selfie für mich zu entwerten. Mich dann mit Isabelle Huppert hinzustellen und ein Selfie zu machen - das finde ich anbiedernd und würdelos, das ist einfach nicht mein Ding.

teleschau: Bei Ihnen scheint es im Moment gut zu laufen: Sie haben nicht nur mit Michael Haneke zusammengearbeitet, sondern auch mit Terrence Malick.

Rogowski: Ja, das ist schön, ich freue mich drüber, dass ich so viele Möglichkeiten habe, in ganz verschiedenen Geschichten zu spielen und mit vielen verschiedenen Regisseuren zu arbeiten. Das hätte ich mir so vor ein paar Jahren nicht vorstellen können.

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teleschau: Warum nicht?

Rogowski: Na, weil man nie weiß, wo es einen hinverschlagen wird. Ich hab zwar vor ein paar Jahren schon an kleineren Filmprojekten mitgewirkt, aber auch Performance Theater und Tanztheater gemacht. Ich wusste nicht, was aus mir werden würde - Choreograf, Regisseur, Filmschauspieler? Der Wunsch, das zu werden, ist das eine, aber die Gelegenheit, das sein zu dürfen, ist das andere.

teleschau: Macht es Ihnen Angst, dass sich nun so namhafte Regisseure wie Christian Petzold, Terrence Malick und Michael Haneke um Sie reißen oder motiviert es Sie?

Rogowski: Das ist immer eine Mischung. Auf der einen Seite gibt es mir sehr viel Kraft, wenn ich Zuspruch erfahre und merke, dass die Leute schön finden, was ich tue. Zum anderen ist es so, dass man als Schauspieler aufpassen muss, dass man nicht alles macht und sich verbrennt. Für mich ist das im Moment eine neue Erfahrung, aber ich glaube, dass man sich selbst auch aktiv eine Pause setzen muss, sonst hat man sich schnell auserzählt.

teleschau: Und das gelingt Ihnen?

Rogowski: Ich glaube, es ist wichtig, dass man auf dem Boden bleibt und sich nicht zu sehr mit dieser Figur verbindet, die von außen aus einem gemacht wird. Wir Schauspieler kochen auch nur mit Wasser, da können einen die Leute noch so großreden. Auch ein Hollywoodstar hat keinen Zaubertrick in der Tasche, mit dem er jede Rolle spielen kann. Man muss sich jedesmal wieder auf eine Figur einlassen, ihr als Mensch begegnen und sich ihr auch ein Stück weit ausliefern. Insofern muss man mit dem Erfolg schon aufpassen.

teleschau: Ihre Schulzeit war hingegen keine Erfolgsgeschichte: Die Lehrer unterstellten Ihnen, dass Sie nichts könnten, nichts taugten. Empfinden Sie jetzt eine gewisse Genugtuung?

Rogowski: Ich muss meinem alten Englischlehrer nichts beweisen, das ist kein Thema für mich. Ich wurde zu Hause immer unterstützt und war eigentlich immer zuversichtlich, es wird alles schon werden. Ich versuche einfach, meine Arbeit gut zu machen. Das kann immer mal in die Hose gehen, und es kann gutgehen.

teleschau: Ihre Familie hat Ihnen also viel Kraft gegeben. In dem Film "Happy End" ist Familie eher ein soziales Gefüge, in dem sich tiefe Abgründe auftun. Ist das ein Thema, das Sie interessiert?

Rogowski: Ich finde familiäre Strukturen und das, was sich darin auftut, sehr interessant. Ich komme auch aus einer Familie, wo das Reden über das, was in der Familie passiert, immer Bestandteil der Familienkultur war. Bei uns gab es immer das Zeremoniell des Schwarztee-Trinkens. Der wurde auf bestimmte Weise zubereitet und dann unterhielten wir uns über Themen wie "Was braucht der Mensch zum Glücklichsein?" oder "Was ist wichtig im Leben?". Deswegen denke ich, dass das, was in der Familie passiert, in besonderem Maße die Abgründe von Psyche zeigt. Da spielen sich die großen Dramen im Kleinen ab.

teleschau: Was sagen Ihre Eltern eigentlich zu Ihrem Erfolg?

Rogowski: Sie waren immer zuversichtlich, dass ich meinen Weg gehen werde und freuen sich jetzt mit mir. Sie sind aber auch sehr unaufgeregt. Denen ist es im Prinzip völlig wurscht, ob ich diesen Beruf mache oder einen anderen. Sie interessiert am Ende, ob ich lebensfähig bin, glücklich, ob es mir gut geht.

teleschau: Und, sind Sie glücklich?

Rogowski: Ich bin zufrieden. Glücklich - ich weiß nicht genau. Das Glück ist etwas, das sehr irrational ist, das kommt und geht. Das Glück ist für mich nicht abhängig von Erfolg oder einer äußeren Gegebenheit. Auch jetzt, da ich viel drehen darf, ist mein Glück nicht größer oder kleiner geworden. Ich bin glücklich in ganz absurden Momenten und unglücklich im Momenten, in denen ich scheinbar alles habe. Und bin froh darüber, dass sich mein Glück und Unglück nicht so sehr darauf bezieht, wie es gerade mit dem nächsten Film läuft.

teleschau: Aber es gibt einem doch eine gewisse finanzielle Freiheit, erst recht, wenn man vom Theater kommt, oder?

Rogowski: Ja. Wir leben in einem Land, in dem einem mit Geld wesentlich mehr Türen offenstehen. Deswegen bin ich saufroh, dass ich jetzt mehr verdiene als früher, das hat aber mit der künstlerischen Arbeit nichts zu tun. Ich kann es mir im Moment aussuchen, es werden aber auch wieder andere Zeiten kommen.

teleschau: Sparen Sie als Schwabe Ihr Geld nun eisern?

Rogowski: Ich bin ein Schwabe, der sich im Hedonismus übt. Ich lebe relativ einfach, so wie vorher auch, und versuche einfach ein bisschen Geld zurückzulegen und wie jeder andere auch ein Sicherheitsgefühl für die Zukunft zu bekommen.

Heidi Reutter

Quelle: "teleschau - der mediendienst"

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