Musik / CD

Judith Holofernes: Ich bin das ChaosDie Mutter des Trends

Zwischen 2003 und 2010 brachte Judith Holofernes Band Wir sind Helden vier Alben heraus. Sie begründeten die Vorherrschaft deutscher Texte im Pop-Radio und belegten allesamt Platz 1 oder 2 der Albumcharts. Bemerkenswert ist der Mainstream-Triumph, weil Judith Holofernes eigentlich zu sperrig für den Superstar-Job war. Ihr süße Girlie-Hülle täuschte über die Komplexität dieser Frau hinweg: Als Feministin, arbeitende Mutter, Buddhistin, Possenreißerin, politischer Geist und hochbegabte Lyrikerin goss sie all diese Widersprüche in flirrend witzige, kluge Texte. Seit 2012 befinden sich Wir sind Helden in einer wohl ewig währenden Pause. Die Charts überließen sie neuen Kräften, die meist nur ein Quantum der Pop-Raffinesse von Holofernes und Co. aufweisen. Wer einen Beweis hierfür sucht, findet ihn auf dem Album "Ich bin das Chaos".

Darf eine 40-Jährige, zumal Mutter zweier Kinder, für das Chaos plädieren und Dinge empfehlen, wie endlich das Studium abzubrechen? Ja, Judith Holofernes darf das. In ihren elf neuen Songs ist die Anerkennung von Chaos sogar der rote Faden. Einer, der empfiehlt, das Leben im Jetzt zu genießen und sich eben nicht so lange mit Pseudo-Vernunft und verquastem Sicherheitsdenken zu quälen, bis man sich als trauriger Rentner endlich ausruhen darf. Na klar, der Aufruf zum "Carpe Diem" ist weder neu noch selten. In akademischen Achtsamkeitskreisen scheint er derzeit sogar überrepräsentiert, wenn man ihn auch selten so klug und künstlerisch ansprechend serviert bekommt wie hier.

Bezaubernde Balladen wie "Die Leiden der jungen Lisa", "Der Krieg ist vorbei" und "Der letzte Optimist" hängen voller Geigen, Klaviere, schöner Flöten und Holofernes' Stimme, die wie keine andere deutsche zwischen herzzerreißender Tränenersticktheit und Girlie-Quirkiness wechseln kann. Wenn gleichzeitig Melancholie und eine tiefe, geerdete Zuversicht erklingen, verbindet das ihre Beobachtungen und Stimme mit der Kunst ihrer expliziten Vorbilder - große Sänger und Gefühlsmaler wie Ricky Lee Jones, Paul Simon, James Taylor oder Joni Mitchell.

Neben den Balladen mit dünnhäutigen Protagonisten, zu denen noch das Stück "Oh Henry" zählt, das so klingt, als hätte man im Nebenraum vergessen, ein altes Videospiel auszuschalten, gibt es - ganz der Holofernes'schen Chaostheorie gehorchend - Stücke, die so gar nicht in den melancholischen Reigen hinein passen wollen. Schmissig witzige Rock'n'Roll-Stampfer wie "Unverschämtes Glück", "Charlotte Atlas" und "Analog Punk", die einerseits die Stimmung ein wenig kaputtmachen, andererseits aber auch so gute Pop-Songs sind, dass sie keinesfalls fehlen sollten.

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Bemerkenswert ist auch der Sound von "Ich bin das Chaos", das in gemeinschaftlicher Songwriter-Arbeit mit dem färöischen Multi-Instrumentalisten und Komponisten Teitur entstand. Viele Instrumente klingen wie eine Jukebox aus der Ferne oder eine traurige Party, die vom Nachbarhaus herüberweht. Man hört sozusagen das Gegenteil eines kristallklaren Folk, eines satten Rock oder eines direkt vorgetragenen Chansons.

Es ist auch ein anderer Sound als der von Holofernes' Solodebüt "Leichtes Schwert", das von entschlacktem Rock'n'Roll und Bob Dylans Talking Blues beeinflusst schien. Holofernes' zweites Solowerk, das von ihrem Ehemann Pola Roy produziert wurde, ist ein lyrisch erstaunliches und musikalisch sensibles Pop-Album, das daran erinnert, welch großes Talent man da im Zuge der angeblichen Wortgewaltigkeit des gegenwärtigen Deutsch-Pop Booms fast vergessen hatte.

Judith Holofernes auf Tournee:

15.03., Frankfurt, Sankt Peter

16.03., Leipzig, Täubchenthal

17.03., Wien, Szene

18.03., München, Muffathalle

20.03., Köln, Gloria Theater

21.03., Berlin, Lido

22.03., Hamburg, Mojo

23.04., Berlin, Astra

24.04., Hannover, Pavillon

25.04., Dresden, Scheune

27.04., Bremen, Lagerhaus

28.04., Stuttgart, Im Wizemann / Club

29.04., Freiburg, Jazzhaus

Eric Leimann

Audio CD
Bewertungausgezeichnet
CD-TitelIch bin das Chaos
Bandname/InterpretJudith Holofernes
GenrePop / Indie Pop
Erhältlich ab17.03.2017
LabelEmbassy Of Music
VertriebWarner
Quelle: "teleschau - der mediendienst"


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