Musik / CD

Björk: UtopiaSchöner tindern

Ob die isländische Sängerin Björk tindert, jetzt, da sie den Schmerz der Trennung von ihrem Lebensgefährten Matthew Barney überwunden hat? Gegenüber dem Musikmagazin "Dazed" jedenfalls kündigte sie ihre neue Platte "Utopia" vor einigen Monaten als "mein Tinder-Album" an. Nun ist die App, bei der flirtwillige Singles potenzielle Partner wie auf dem Viehmarkt nach dem Aussehen beurteilen, nicht gerade etwas, das man mit der feinfühligen, ätherischen Musik von Björk verbinden würde. Alles anders also auf "Utopia"?

Zumindest geht es auf dem neunten Studioalbum der Sängerin viel um Körperlichkeit. Auf dem Coverfoto postiert Björk mit einer Maske, die ihr eine Art Vagina aus der Stirn wachsen lässt. Und in "The Gate", der Vorabsingle und dem vielleicht eindringlichsten Song auf dem Album, singt sie von einer Wunde als einem Eintrittsort, während sie im dazugehörigen Video eine Vulva auf der Brust trägt. Aber mit Tinder hat das natürlich wenig zu tun. Im Vorgängeralbum stand die Wunde noch für eine Verletzung. Jetzt ist sie eine Öffnung, so etwas wie eine Hinwendung zum Leben.

"Utopia" war mit "Vulnicura" eines der wohl sperrigsten Alben von Björk vorangegangen. In neun schnörkellosen Songs hatte sie die Trennung von Barney verarbeitet, dem Vater ihrer Tochter. Das war auch für den Zuhörer mitunter schmerzhaft und bisweilen von einer fast schon unangenehmen Intimität, so als würde man durch einen Türspalt hindurch eine Trauergesellschaft beobachten. Nach den aufzehrenden Liveshows zu "Vulnicura" habe sie dann entschieden, dass sie sich etwas Leichteres verdient habe, erzählte Björk kürzlich. "Utopia" ist nun kein Feuerwerk der Lebensfreude geworden, aber immerhin gibt es hier erkennbar einen Silberstreifen am Horizont.

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Musikalisch ist sich Björk treu geblieben. Man hört Chöre, die an das A-Capella-Album "Medúlla" erinnern ("Body Memory"), "Blissing Memory" hätte mit dem gehauchten, von einer Harfe begleiteten Gesang so auch auf "Vespertine" gepasst. Daneben gibt's auch diesmal viel elektronisches Gefrickel und sanft schmatzende Beats, für die einmal mehr Produzent Arca mitverantwortlich zeichnete. Klanglich ist "Utopia" so etwas wie die gutgelaunte Schwester von "Vulnicura".

Ein klein wenig hat sich Björk dann aber doch neu erfunden - und zur Flöte gegriffen. Als Kind, verriet sie unlängst dem Magazin "Pitchfork", habe sie "eine komplizierte Beziehung" zu dem Instrument gehabt, es jetzt aber wiederentdeckt. "Nach all der Schwere des letzten Albums fühlt es sich so leicht und schwebend an", erzählte sie. Also hat Björk ein aus zwölf Frauen bestehendes Flötenorchester gegründet, das auf fast jedem Track munter drauflosflötet, auf "Paradisia" etwa.

Noch prominenter aber als die Flötenklänge sind auf "Utopia" allerlei Tiergeräusche vertreten - bisweilen fühlt man sich, als stünde man inmitten eines Regenwalds. Was da jetzt Field Recording ist und was aus dem Synthesizer stammt, ist oft nicht ganz klar. Aber egal: Vielleicht klingt sie so, Björks Utopie. Schöner als Tindern wäre das allemal.

Sven Hauberg

Audio CD
Bewertungausgezeichnet
CD-TitelUtopia
Bandname/InterpretBjörk
Erhältlich ab24.11.2017
LabelEmbassy of Music
VertriebWarner
Quelle: "teleschau - der mediendienst"

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