Musik / CD

Gaika: The Spectacular Empire I & IISchizophrenie in der Dystopie

"Von einem schwarzen Mann wird erwartet, Grime, Reggae oder Couchtisch-Musik zu machen", hat Gaika einmal gegenüber "The Guardian" erklärt. Seitdem arbeitet der Londoner Künstler kontinuierlich daran, sich von allen Genres und Szene-Codes freizuspielen und seine Fans zu einer queeren, bunten und amorphen Masse aus Hipstern und Outcasts zu transformieren. Dass diese Pole manchmal überraschend eng beieinander liegen, also das flamboyante und befreite Selbstbewusstsein sowie das marginalisierte, stimmlose Außenseitertum, dafür schafft seine Musik Bilder. Das gilt auch wieder für die beiden direkt hintereinander veröffentlichten EPs "The Spectacular Empire I" und "The Spectacular Empire II".

"The Spectacular Empire" war im September 2017 der Titel einer multimedialen Dystopie mit dem Epizentrum London, die sich Gaika für das Lifestyle-Magazin "Dazed" bis in die 2060-er Jahre ausmalte. Die unmoralischen Auswirkungen von Macht und Autorität zu hinterfragen, war Gaikas erklärtes Ziel bei diesem Projekt.

In dieser Welt lässt sich die klangliche Dualität der gleichnamigen EPs gut nachfühlen. Schon auf der letztjährigen Veröffentlichung "Spaghetto" klangen die aggressiven Momente extrem eindringlich und anklagend, der Hörer sollte die Mitschuld jedes Einzelnen an alltagsrassistischen Strukturen erkennen. Diesmal kreiert Gaika noch persönlichere musikalische Momente, wenn seine schizophrene Erzählung vom selbstbewusstem Badman-Talk wieder zu Entfremdung und der Liebessehnsucht pendelt. Zeitgleich werden die maskulinen Insignien der Dancehall- und HipHop-Welten, derer er sich spielerisch bedient, auf "The Spectacular Empire" ausgezogen, geschlagen und dekonstruiert.

mehr Bilder

Gaikas brüchige Stimme, die gegen das Autotune um ihre Materialität kämpft, und seine Synth-Akkorde, die lang und durchdringend wie Schiffshupen tönen, scheinen ständig gegeneinander zu laufen. Schließlich verbinden sich aber doch beide Elemente im selben wohligen Grundrauschen.

"The scholarly, young broken man / Is the same, no man of colour / The scholarly, young broken man / Isn't man if he suffered", singt er in dem Stück "The Riches", das mit ätherischen Chorälen den Ruhepol der beiden EPs darstellt. In "Chop" wird dagegen die Verlorenheit im digitalen Zeitalter durch verfremdete Vokal-Samples vermittelt, die auf zeitgemäße Trap-Beats prallen. Im Anschluss erinnert "Smoke Break" mit einer funkigen Bassline und Vocoder-artig geschichteten Vocals wiederum an Acid-House-Musik der 80er-Jahre. So werden auf "The Spectacular Empire" über nur vier Anspielstationen die Grenzen einer spektakulären Klangwelt abgezäunt, und gleichzeitig definiert Gaika weiter seinen kunstvollen Sound, der noch nie collagierter und nie eigenständiger war.

Mathis Raabe

Audio CD
Bewertungausgezeichnet
CD-TitelThe Spectacular Empire I & II
Bandname/InterpretGaika
Erhältlich ab01.12.2017
LabelWarp
VertriebRough Trade
Quelle: "teleschau - der mediendienst"


Versenden Drucken

Weitere Artikel


Musik News


NICKELBACK - AFTER THE RAIN

CD-Archiv

CD-Archiv

Suchen Sie in der Radio Köln - CD-Datenbank nach Interpreten und/oder CD-Titeln.

Ticketshop

Sichern Sie sich im Radio Köln Ticketshop die Tickets Ihrer Wunschveranstaltung!

Anzeige
Zur Startseite