Musik / Backstage

Auf der Suche nach Trost

veröffentlicht sein Soloalbum "Post Traumatic"

Ein knappes Jahr ist es her, dass Linkin-Park-Sänger Chester Bennington den Freitod wählte. Zwar waren seine Depressionen kein Geheimnis, doch sein Tod kam für alle überraschend. Millionen Fans nahmen weltweit Anteil. Auch Benningtons Bandkollege Mike Shinoda musste in den folgenden Wochen und Monaten einen Weg finden, das Geschehene zu verarbeiten. "Manche Tage waren einfach nur furchtbar", erinnert er sich. "Ich habe so etwas noch nie zuvor erlebt, es gab für mich also keine Vorlage, keinen offensichtlichen Weg, wie ich damit umgehen sollte", erinnert er sich. "Ich habe ein Buch darüber gelesen, vieles im Internet, mit Freunden gesprochen und Mentoren um Rat gefragt. Parallel schrieb ich aber auch Songs. Ich habe mich schon immer der Musik zugewandt, wenn ich schwierige Situationen zu bewältigen hatte."

Ganz für sich alleine begann der 41-jährige Amerikaner in seinem Haus in Los Angeles an neuen Liedern zu feilen - ohne darüber nachzudenken, was aus ihnen einmal werden würde. "Die ersten Songs waren noch sehr düster und autobiografisch, aber irgendwann wurden sie heller, und ich öffnete mich auch anderen Themen." Die ersten Ergebnisse veröffentlichte Shinoda im Januar in Form der EP "Post Traumatic". Denselben Titel trägt nun auch sein Solo-Album. Zwischen Rap, Rock, Pop und elektronischen Sounds changierend, rufen die Songs Erinnerungen an sein Nebenprojekt Fort Minor wach. Es sind aber natürlich vor allem die Texte, die es sich in es haben. Schonungslos offen setzt Shinoda sich mit seinen Gefühlen, mit Trauer, Resignation und Wut auseinander.

In "About You" zum Beispiel verarbeitet er das Gefühl, dass sich plötzlich jedes Gespräch, das er führte, jeder Song, den er schrieb, um Chester Bennington zu drehen schien. "Even when it's not about you / all a sudden it's about you", heißt es in dem Stück. Manchmal geht Shinoda so sehr ans Eingemachte, dass man das Gefühl hat, man würde in seinen Tagebüchern herumschnüffeln - oder in seinem Telefon. In dem Song "Place To Start" sind tatsächlich Mitleidsbekundungen zu hören, die Freunde auf Shinodas Mailbox gesprochen haben.

Warum teilt er solche intimen Dinge öffentlich? Und woher nahm er die Kraft dazu? "Es fühlte sich an, als sei das nötig", erklärt Shinoda. "Nach Chesters Tod schrieben mir immer wieder Leute: 'Mike, du musst etwas sagen, wir müssen wissen, wie es dir geht'. Das war nicht nur Neugierde. Die Menschen haben wirklich getrauert. Wir fühlten uns alle etwas verloren, wir brauchten eine Art Orientierungshilfe. Und ich dachte, indem ich offen kommuniziere, schaffe ich vielleicht etwas, das uns allen Halt gibt. Ich bin sehr stolz auf das Album. Nicht nur wegen der Texte, sondern auch auf das handwerkliche Können hinter den Songs. Ich mag die Sounds und Grooves wirklich gerne."

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Shinoda, der schon bei Linkin Park stets der Hauptsongwriter war, hat sich um fast alles persönlich gekümmert: die Aufnahme, Produktion, ergänzende Visuals. Wegen des persönlichen Inhalts des Albums wäre das anders auch nicht denkbar gewesen. "Bei einer Handvoll Songs sind Kollaborateure zu hören - Leute, die ich gut kenne, die Chester kannten, mit denen wir zuvor schon arbeiteten. Ich wollte sicherstellen, dass die Leute, die ich ins Boot hole, zu dem Thema des Albums einen persönlichen Bezug haben", sagt er.

Allerdings will Shinoda mit "Post Traumatic" keineswegs Trauer verbreiten, sondern vielmehr einen Weg aus der Trauer hinaus aufzeigen. "Ich merke schon jetzt, dass das sogar über die Linkin-Park-Fanbasis hinaus funktioniert. Dass Menschen, die vielleicht gar nicht das gleiche durchgemacht haben wie ich, die aber andere Sorgen haben, darin irgendwie Trost finden und einen Bezug zu den Songs haben", stellt er zufrieden fest. "Die Tatsache, dass ich diese Dinge in meinen Songs thematisiere, bringt andere vielleicht dazu, selbst über ihre Gedanken und Gefühle zu sprechen."

Für Shinoda liegt auf der Hand, dass das Thema psychische Gesundheit nach wie vor stigmatisiert wird und die Welt lernen müsse, offener damit umzugehen. "Wir brauchen nicht nur Dialog, sondern auch ein Bewusstsein für unsere eigene physische Gesundheit. Uns wird nicht beigebracht, wie wichtig es ist, dass wir uns unseres mentalen Zustands bewusst sind - dabei sollte das selbstverständlich sein", erklärt er. "Wenn du morgens aufwachst und dir der Rücken oder der Kopf wehtut, wenn sich in deinem Körper etwas falsch anfühlt oder du eine Erkältung hast, dann reagierst du ja auch. Aber aus irgendeinem Grund machen die Menschen das nicht, wenn es um ihre geistige Gesundheit geht. Sie powern einfach durch den Tag - als ob man es mit Willenskraft überwinden könnte."

Dass immer mehr Menschen an ihre Grenzen stoßen, ist in Shinodas Augen aber auch eng verknüpft mit dem, was in der Welt los ist. "Ich habe im Moment das Gefühl, dass wir alle überwältigt sind. Es reicht ja schon, wenn man sich seinen Twitter-Feed anguckt. Bei all dem Scheiß, der in der Welt los ist, hat man das Gefühl, dass man keine Kontrolle hat. Dass wir verdammt sind. Obendrauf kommt der persönliche Stress, den wir mit der Familie, im Job oder in der Schule haben", sagt er. "Man sieht das in den sozialen Medien, aber ich höre es auch in den Songs anderer Künstler. Das ist gerade ein übergreifender, kultureller Zustand - aber wenn wir alle aufpassen und weiter kommunizieren, glaube ich, dass wir etwas verändern können."

Auch deswegen hat er sich entschieden, "Post Traumatic" zu veröffentlichen. Um eine Brücke zu bauen. Um für Dialog und Austausch zu sorgen. "Das Ganze ist ein Prozess. Es wird Konzerte geben, Interviews, Unterhaltungen", kündigt er an. Schon im Oktober des vergangenen Jahres haben Linkin Park zu Ehren Benningtons ein Konzert in Los Angeles organisiert, außerdem gründeten sie die Non-Profit-Organisation "One More Light Fund", die Familien und Individuen helfen soll, mit mentalen und emotionalen Problemen klarzukommen. "Es wird Zeiten geben, in denen ich einen Fehler mache und etwas Dummes sage, das ich hinterher vielleicht bereue", fährt er fort. "Ich bin auch nur ein Mensch, wie wir alle. Aber diese Angst muss ich ablegen. Die Unterhaltung muss weitergehen."

Nadine Wenzlick

Quelle: "teleschau - der mediendienst"

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