Musik / CD

Chilly Gonzales: Solo Piano IIISchönheit ohne Genre

Als Chilly Gonzales, bis dahin Rapper, Elektro-Punker und Extrem-Performer, 2004 ein Album veröffentlichte, auf dem nur klassisch anmutende Klavierminiaturen zu hören waren, glaubten viele an einen Gag. Schließlich handelt es sich bei dem mittlerweile in Köln lebenden Exil-Kanadier um einen begnadeten, manchmal aber auch erschreckend manischen Groß-Entertainer. Erst durch gutes Zuhören wurde man gewahr, dass in Gonzales' neuer musikalischer Ausdrucksform eine ungeheure Qualität lag. Mittlerweile gelten die Solo-Pianokompositionen des 46-Jährigen als musikalisch großer Wurf eines schwer fassbaren Genres zwischen moderner Klassik und einer sehr eleganten Idee von Jazz. Nach "Solo Piano II" (2012) veröffentlicht Gonzales nun mit "Solo Piano III" den vermeintlich letzten Teil seiner wohltemperierten Klimperei, die man so leicht unterschätzen könnte.

Es gibt mindestens zwei Wege zum Verständnis dieses Solo-Klavieralbums, das - an dieser Stelle sei es noch einmal deutlich gesagt - ohne Worte auskommt. Zum einen ist da die nackte Melodiösität der 15 Stücke, die allesamt Ohrwurmcharakter haben. Gonzales' Kompositionen könnten als Ambient-Musik durchgehen, als stimmungsvolles "chilly" Geklimper, wären da nicht diese merkwürdig verfänglichen Melodien und Akkordfolgen, die einen seltsam, ja fast magisch in diese Stücke hineinziehen. Gonzales, der seine schier überbordende Kreativität früher mit Hochgeschwindigkeits-Rap und lauter Performance-Kunst auslebte, hat mittlerweile Gefallen am Leisen und Schönen gefunden.

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Es sind einfach sehr gute Kompositionen, die man auf "Solo Piano III" frei von jeglichen Genreschubladen zu hören bekommt. Ist es von Debussy und Prokofjew beeinfusste Klassik, in die sich bisweilen ein Hauch Jazz mischt? Oder sind es hochpersönliche Popsongs ohne Text, die Gonzales da erzählt? Die Qualität der Stücke ist auch auf Album Nummer drei wieder so beachtlich, dass man keineswegs von Gebrauchsmusik reden kann - auch wenn viele Menschen sie sicher gut gebrauchen können. Gonzales ist wie 2004 und 2012 - und trotz einiger weniger Passagen, in denen die Finger auch mal crescendo über die Tasten fliegen - ein drittes Meisterwerk der Ruhe und Einkehr gelungen.

Abseits des nackten Hörerlebnisses darf man Gonzales' Klaviertrilogie auch als Produkt einer inneren Reise auffassen, die Geschichten über den Künstler und seine begnadete Empfindsamkeit hervorbringt. Um die Entwicklung eines hochtalentierten, aber auch von Geltungssucht getriebenen Maniacs zu verstehen (der Vater ist Kanadas erfolgreichster Bauunternehmer, Bruder Christophe Beck ein erfolgreicher Soundtrack-Komponist), sollte man sich den sehr empfehlenswerten Dokumentarfilm "Shut Up And Play The Piano" ansehen. Der Film feierte Premiere auf der Berlinale 2018 und ist ab 20. September im Kino zu sehen. Darin wird der Trip des als Jason Beck geborenen Künstlers vom Lauten ins Leise bild- und wortgewaltig nachgezeichnet. Als Zuschauer freut man sich mit dem gereiften Gonzales, dass er über die Ruhe und Demut des Klavierspiels zu einer neuen, anderen Kraft fand. Ein Modell, das für den ein oder anderen Hörer in diesen hektischen Tagen sicher zur Nachahmung empfohlen ist. "Solo Piano III" ist dafür ein guter Wegweiser.

Eric Leimann

Audio CD
Bewertungausgezeichnet
CD-TitelSolo Piano III
Bandname/InterpretChilly Gonzales
GenreInstrumental
Erhältlich ab07.09.2018
LabelGentle Threat
VertriebIndigo
Quelle: "teleschau - der mediendienst"


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