Musik / CD

Paul Simon: In the Blue LightModern seit über 50 Jahren

Wie schafft man es, als Popstar in Würde zu altern? Morrissey, der unlängst in einem "Spiegel"-Interview äußerte, dass er den Brexit ziemlich gut finde, oder Sex-Pistols-Sänger John Lydon, der zum reaktionären Provokateur geworden ist, zeigen, wie es nicht geht. Einst progressive Künstler haben sich in ihre ehemaligen Feindbilder verwandelt. Bei Paul Simon, inzwischen 76, ist das anders. Das einstige Mastermind hinter Simon & Garfunkel hat sowohl musikalisch als auch inhaltlich nie Extreme bedient. Er hat es aber geschafft, über all die Jahre relevant zu bleiben. Ins Aus geschossen hat er sich nie. Stattdessen nimmt er seit rund 50 Jahren Soloalben auf. "In The Blue Light" ist eine Sammlung von schon veröffentlichten und nun neu interpretierten Tracks verschiedener Phasen. Das klingt nach Best-of-Compilation, einer der unangenehmsten Formen der Selbstbeweihräucherung von verblassten Stars. Doch ist dem wirklich so?

Die viel wichtigere Frage ist doch: Wer hat eigentlich jeden einzelnen Solosong von Paul Simon sofort parat? Vermutlich nicht mal er selbst, es sind einfach zu viele. Dementsprechend ist eine Compilation, die wohlgemerkt nicht die großen Hits vereint, sondern fast vergessene Stücke in den Vordergrund rücken soll, eine legitime Idee.

In Würde Altern bedeutet im Falle von Paul Simon und seiner Musik auch, dass er sich ursprünglich fertiger Songs annimmt und sich nicht zu fein ist, deren Strukturen zu verändern, sie mit leichten Bläser-Nuancen zu verfeinern und Texte zu frisieren. Das zeugt von Größe und von einer ähnlich modernen Denkweise, wie sie zumindest musikalisch auch Kanye West an den Tag legt. Auch er verändert Songs auf seinen Alben nachträglich, fügt welche hinzu, editiert nach. "In The Blue Light" ist also weder reaktionär noch unzeitgemäß, sondern in seiner Form sogar zeitgeistig und im Klang vielleicht sogar spannender als eine gänzlich neue Simon-Platte.

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Nur wirklichen Pop-Appeal hat die Platte nicht. Dafür sind die Soundstrukturen und die klug gesetzten Brüche zwischen einzelnen Klang-Fragementen zu komplex. Nichts glitzert, alles wirkt bedacht. Simon nimmt sich selbst zurück, verschanzt sich hinter den Songs und hinter seiner Gitarre. Dann singt er dahinter versteckt wie etwa auf "Questions For The Angles" beruhigende Zeilen und das tut gut.

Das Geheimnis von Paul Simon ist also nicht, besonders laut und vulgär den eigenen Glanzzeiten nachzutrauern. Auf "In The Blue Light" zeigt sich viel mehr, wie ein Künstler es schafft, ganz ruhig und unaufgeregt seine Relevanz zu manifestieren. Schreien können die anderen.

Johann Voigt

Audio CD
Bewertungüberzeugend
CD-TitelIn the Blue Light
Bandname/InterpretPaul Simon
Erhältlich ab07.09.2018
LabelSony Music Entertainment
VertriebSony Music
Quelle: "teleschau - der mediendienst"


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