Musik / CD

Christina Stürmer: Überall zu HauseGestrandet im Niemandsland

Als die Österreicherin Christina Stürmer Mitte der 2000-er Nummer-Eins-Alben mit Hits wie "Ich lebe" und "Nie genug" feiern durfte, waren noch Rockgitarren in ihrer Musik. Heute singt die Christl vor allem über elektronische Produktionen. Diese Produktionen sind zu ausgefeilt, um als Schlager durchzugehen, trauen sich aber auch nicht, die gelegentlich auftretenden Akustikgitarren in den Vordergrund zu mischen. So strandet die Musik auf dem neuen Album "Überall zu Hause" irgendwo im Pop-Niemandsland.

"In ein paar Jahren wird alles das, was wir mal waren, unsere Geschichte sein", lautet die zentrale Zeile der ersten Single. Es folgen Weisheiten wie "Wir leben jetzt / Wir lieben jetzt / Dieser Augenblick kommt nie mehr zurück". Selbst ein Küchenkalender, denkt man sich, hat mehr zu sagen als Christina Stürmer. Im Hintergrund singt sie ihren eigenen Mark-Forster-Chor, der im Laufe des Albums einige melodische Variationen erfährt.

Hier beißt sich die Kritikerkatze in den Schwanz. Versucht man, dieses Album nach musikalischen und inhaltlichen Kritikerien abzutasten, ist man jetzt fertig und geht so leer aus wie bei allem, was in das Schema der "deutschen Industriemusik" passt, wie sie Jan Böhmermann so passend nannte. Man könnte die Rezension eines Max-Giesinger-Albums heraussuchen, Strg+C, Strg+V, fertig. Auch das wäre aber müßig, weil sich diese Musik natürlich unabhängig von jeder Kritiker verkauft. Bleibt nur die Frage: Gibt es feine Unterschiede zwischen Christina Stürmer und Max Giesinger, und lässt sich an Hand derer mutmaßen, warum sie erfolgreich ist? Die Antwort: Bei Christina Stürmer handelt es sich in noch höherem Maße um Gebrauchsmusik.

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Die große Spezialität der Sängerin aus Linz ist die Alltagsphilosophie. Der Opener etwa stellt fest: "Alles, was jetzt und hier so nebenbei passiert, das ist das Leben." Soll heißen: Unverhofft kommt oft, Glück ist nicht planbar und so weiter. Während Max Giesinger immerhin Beziehungsprobleme thematisiert und durchscheinen lässt, dass er ab und zu mal in einer Kneipe sitzt, ist aus Christina Stürmers Musik jedes Fünkchen Persönlichkeit verschwunden. Gelegentlich kommt ein "du" und ein "ich" vor. Ob die entsprechende Beziehung Liebe oder Freundschaft ist, ob glücklich oder nicht, verschwimmt aber hinter den Worthülsen.

Stattdessen werden Dinge gesagt, mit denen sich wirklich jeder identifizieren kann, die dadurch aber so unpräzise sind, dass diese Identifikation mit keinem großen Gefühl einhergehen kann. Die Funktion dieser Musik ist nicht zu berühren, sondern vielmehr, nicht abzulenken, wenn man sie zum Beispiel beim Staubsaugen hört. Man muss Christina Stürmer gar nicht zuhören, man muss nicht wissen, was sie singt. Sie muss nur singen, damit es nicht ganz ruhig ist im Raum, damit man sich ein kleines bisschen weniger langweilt oder sich nicht mit den eigenen Gedanken beschäftigen muss, wenn man dazu gerade keine Lust hat. "Überall zu Hause" ist damit in etwa so wertvoll wie statisches Rauschen.

Mathis Raabe

Audio CD
BewertungZeitverschwendung
CD-TitelÜberall zu Hause
Bandname/InterpretChristina Stürmer
Erhältlich ab21.09.2018
LabelPolydor
VertriebUniversal Music
Quelle: "teleschau - der mediendienst"


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