Musik / Backstage

"Es muss nicht immer 'Größer, höher, lauter' sein"

wollen Musik mit sauberer CO2-Bilanz spielen

Zum Interviewtermin in München erscheint Michael mit fescher Lederhose, was aber nichts mit dem Oktoberfest zu tun hat. Die Tracht sei einfach sein liebstes Alltagskleidungsstück. Überhaupt identifiziert sich Michael stark mit seiner bayrischen Heimat, spricht bewusst Dialekt, und auch das persönliche Du liegt ihm sehr am Herzen. Mit seiner Band Oansno, einer vierköpfigen Musikerkombo, die sich musikalisch irgendwo zwischen Ska, Hip-Hop und Reggae ansiedelt, macht Michael Mundartmusik. Zu den Auftritten reist die Band nur mit Bus und Bahn an, dem Klimaschutz zuliebe. Welche Einschränkungen das im Bandalltag mit sich bringt, weshalb ihm das Gesellige wichtiger ist als das Kommerzielle und warum er das Prosit in den Bierzelten gerne ablösen würde, verrät Michael im Gespräch.

teleschau: Wie bist Du heute hergekommen?

Michael: Zu Fuß.

teleschau: Ist Dein Auto überhaupt noch in Gebrauch?

Michael: Ich habe kein Auto, sondern bin nur zu Fuß, auf dem Rad oder mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs. Das ist München, ein Auto macht da einfach keinen Sinn. Und wenn es mal weiter weg gehen soll, nehme ich die Bahn. Damit fahren wir auch zu den Auftritten.

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teleschau: Mit Deiner Band Oansno hast du dir das Ziel der CO2-Neutralität auf die Fahnen geschrieben?

Michael: Nein. Wir können zwar eine ideale Klimabilanz vorweisen, aber das ist weder bei mir noch bei den anderen Bandmitgliedern etwas Ideologisches. Das hat sich eher ergeben.

teleschau: Gab es dazu einen bestimmten Auslöser?

Michael: Wir hatten kein Auto und haben uns gefragt, wie wir von A nach B kommen. Dann haben wir es mit Bus und Bahn probiert, und das hat alles super funktioniert mit den Instrumenten. Das CO2-Thema wird schon immer wieder einmal angesprochen. In der Band ist es tendenziell so: Wir sind keine fanatischen Klimaschützer, sondern vertreten den Standpunkt, verantwortungsvoll, sparsam und bewusst mit unseren Ressourcen umzugehen.

teleschau: Willst Du Deine Überzeugung an andere Menschen weitergeben?

Michael: Missionarisch sind wir nicht, das ergibt sich eher in einer Diskussion. Etwa wenn ein Grünen-Wähler mit dem SUV vorfährt und uns dann erzählt, dass Plastikstrohhalme schlecht für die Umwelt sind. Meine letzte Fernreise mit dem Flieger ist zehn Jahre her, und dadurch, dass wir nicht mit dem Auto fahren, haben wir eine super CO2-Bilanz. Da kann man gut gegen das Greenwashing und die Mode, sich mit einem ökologischen Bewusstsein zu schmücken, argumentieren.

teleschau: Ihr fahrt zu allen Auftritten mit den Nahverkehrsmitteln. Wie reagiert Euer Umfeld darauf?

Michael: Mit der Tuba und vor allem dem Bierwagerlschlagzeug sind wir schon sehr aufsehenerregend. Da werden natürlich sofort die Handys gezückt und Fotos geschossen. Aber so kommen wir schnell ins Gespräch mit den Leuten, was bandtechnisch gar nicht so schlecht ist.

teleschau: Inwiefern?

Michael: Die Leute, neben denen wir im Zug gesessen sind, stehen dann abends teilweise vor der Bühne und werden im besten Fall unsere Fans.

teleschau: Was sagt eigentlich Euer Label Sony dazu, dass Ihr so umweltbewusst unterwegs seid?

Michael: Das ist unterschiedlich. Natürlich ist das eine schöne Geschichte, aber es bringt auch Einschränkungen mit sich. Wir haben zum Beispiel kein Merchandising. Zu den Auftritten schleppe ich mein Akkordeon, und das war's, für T-Shirts und Poster ist da kein Platz mehr.

teleschau: Was macht für Dich das Erlebnis mit Oansno auf der Bühne so besonders?

Michael: Dadurch, dass wir Spezln sind, steht der Spaßfaktor im Vordergrund, sowohl untereinander in der Band, als auch für das Publikum. Auch das Drumherum um den Auftritt ist wichtig. Es geht nicht darum, dass wir einen geilen Auftritt hinlegen wollen, sondern dass wir mit den Leuten ratschen, uns Feedback einholen, Impressionen sammeln und unser Publikum kennenlernen. Gerade für mich, der als typischer Münchener in einer Großstadtblase aufgewachsen ist. In anderen Regionen oder kleineren Gemeinden trifft man teilweise auf ganz andere Kulturen, mit denen man konfrontiert wird. Dadurch wird man selbst offener und entwickelt ein differenzierteres Weltbild.

teleschau: Würdest Du Euch als Musiker der alten Schule bezeichnen?

Michael: Das ist eher das, was uns zu Musikanten macht - das Gesellige, das Soziale. Wir sind sehr stark auf die Musik ausgerichtet, auf die Bühne und die Leute. Vor und nach den Auftritten sitzen wir zum Beispiel nie im Backstage oder verkriechen uns, sondern sind immer im Publikum.

teleschau: Oansno ist geprägt von vielen kulturellen Einflüssen, die sich auch in der Musik bemerkbar machen. Lasst Ihr Euch überhaupt auf ein Genre festlegen?

Michael: Wenn wir wüssten, welches das wäre, würden wir uns sehr gerne darauf festlegen (lacht). Also wenn uns irgendjemand sagt, welches Genre wir sind, dann ja.

teleschau: Eure Songs sind stark geprägt von München-Bezug und Lokalkolorit. Ist die Musik für Dich Ausdruck einer lokalen Identität, die du weitergeben willst?

Michael: Natürlich, gerade wenn Bayerisch auf der UNESCO-Liste der aussterbenden Sprachen steht. Das ist schon ein wenig die Mission, dass wir versuchen, einen kleinen Beitrag dazu zu leisten. Mundart ist nicht nur eine althergebrachte Tradition, die im Museum bewahrt wird, sondern etwas Lebendiges, das für Jung und Alt geeignet ist.

teleschau: Mit dem Credo, möglichst ohne ökologischen Fußabdruck zu reisen, vertretet Ihr ein Ideal. Wollt Ihr auch mit euren Songs Kritik üben?

Michael: Die ursprüngliche Vorgabe an die Lieder war, dass sie Mundart sind, Spaß machen, tanzbar sind und nicht politisch oder zu nörglerisch. Aber als Münchener kommt man nicht umhin, sich über Themen wie die steigenden Mieten zu ärgern. Das ist eine riesige Sauerei, die da abgeht. Mei, da schreibt man dann einen Song darüber, ist ja klar.

teleschau: Wo soll es mit Oansno hingehen?

Michael: Schaun mer mal. Hoffentlich hören ganz viele Leute unser neues Album, finden es gut und kommen zu unseren Gigs. Ein Fernziel wäre es vielleicht, dass im bayerischen Radio wieder einmal bayerische Musik gespielt wird, das wäre der größte Erfolg. Oder, dass auf der Wiesn nicht mehr "Ein Prosit der Gemütlichkeit", ein altes sächsisches Trinklied, gesungen wird, sondern dass wir unser eigenes Trinklied haben, zum Beispiel "Oane no".

teleschau: Gegen welche Entwicklung würdet Ihr Euch als Band wehren?

Michael: Es müssen nicht immer kommerzielle Ziele nach dem Motto "Größer, höher, lauter" sein. Wir haben gesagt, egal wie gut es läuft, wir wollen uns das bewahren, was uns ausmacht. Wir werden niemals im Backstagebereich abhängen. Wir treten lieber weniger auf, bevor wir die Lust an der Musik verlieren. Und wir müssen immer Mal ein Bier trinken dürfen, und das gesellige Miteinander mit den Leuten muss erhalten bleiben. Bevor ich nur zu den Auftritten fahre, den Soundcheck mache, auftrete und danach wieder heimfahre, kann ich auch einen Anzug anziehen und jeden Tag ins Büro gehen.

Julian Weinberger

Quelle: "teleschau - der mediendienst"

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